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Text und Fotos © Uwe Römers
Der Schwerpunkt meiner Südamerikareise Ende letzten Jahres sollte die
Landschaftsfotografie sein. Das erste Ziel nach der Landung in La Paz ist
ein beeindruckendes Erosionsgebiet am Rande des Stadtkessels, das die
Einheimischen als Mondtal bezeichnen, die Valle de la Luna.
Bizarre Erd- und Steintürme, Säulenpyramiden und Felspilze ragen hier in den
Himmel. Diese seltsamen Formationen entstanden über Jahrtausende durch Erosion
und Klimagegensätze. Manch einem Schritt auf den engen Pfaden traut man kaum,
vor allem, wenn man links und rechts zwischen unzähligen Türmen ebenso tiefe
Risse und Spalten sieht.
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Mein Reisebegleiter Carlos und ich sind plötzlich felsenfest davon
überzeugt, daß wir einen Kolibri gesehen haben. Aber außer Kakteen ist
hier so gut wie keine Vegetation zu verzeichnen, von was ernähren sich
also die Vögel hier? Wir haben zunächst nicht wirklich einen brauchbaren
Ansatzpunkt. Und plötzlich fliegt da vorne wieder was. Carlos und ich
geben uns auf gut 50 Meter Entfernung Handzeichen, zwischen uns liegen
unüberwindbare Schluchten. Das Herz rast wieder, aber mir reicht das
vorerst. Ich versuche verzweifelt das Beste aus den herrschenden
Lichtverhältnissen zu machen, um wenigstens ein paar wenige Eindrücke
dieser Landschaft fotografisch festzuhalten, während Carlos seinen Erfolg
anderweitig sucht.
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Valle de la Luna ("Mondtal"), La Paz
Canon EOS 10D, EF 17-40L, Stativ
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Der bewölkte Himmel befriedigt mich gar nicht. Grelles Sonnenlicht ist bei diesem
Boden zwar nicht gerade förderlich, aber das sollte ich erst am folgenden Tag
lernen und so kommt jetzt schon ein wenig Frustration auf. In Gedanken gehe ich
die nächsten Fotoziele durch und hoffe dort auf bessere Möglichkeiten und
Ergebnisse. In der Zwischenzeit bringt Carlos tatsächlich die ersten Dokubilder
von einem grünen Kolibri in den Kasten. Bei diesem Licht ist heute aber leider
nichts mehr zu holen, das Ziel für den nächsten Tag steht allerdings schon fest...
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Auch am zweiten Tag gehen wir wie so oft wieder getrennte Wege. So kann
jeder in Ruhe arbeiten und wir treten uns nicht gegenseitig ständig auf
die Füße. Nach einer Weile sind wir wieder in Sichtweite und Carlos
winkt mich herbei. Er hat einen Fund gemacht, der für uns Gold wert war.
Während des gesamten Urlaubs haben wir uns immer wieder das ein oder
andere interessante Motiv zugespielt, denn es war schier unmöglich, alles
zu sehen.
Dieses Verhalten finde ich übrigens erstaunlich. Man gönnt es dem anderen
auch, ein interessantes Motiv zu fotografieren, anstatt von Neid getrieben
zu sein. Der gemeinsame Erfolg wird viel höher bewertet und wenn man
selbst alles verwackelt hat, hofft man, daß zumindest der Begleiter
mehr aus der Situation machen konnte.
Diesmal darf ich wieder den dankbaren Part übernehmen. Carlos deutet
auf einen schrägen Zweig und erklärt mir, daß ein Kolibri immer wieder
hier lande und überraschend zutraulich sei. Das kann ich beim besten
Willen nicht glauben, denn soviel Glück kann man einfach nicht haben.
So wie er es beschreibt, steht man also hinter dieser Lehmmauer und
fotografiert einen winzigen Vogel, der keine drei Meter weit auf einem
Zweig sitzt.
Ich sehe immer noch nicht ein, warum es hier so bombensicher sein soll,
aber ich stelle auch gleich das Stativ auf, nur für den Fall der Fälle,
um auf alles vorbereitet zu sein. Ein Blick durch den Sucher, der linke
Daumen drückt die Abblendtaste. Hintergrund: Perfekt! Abstand: Perfekt!
Aber kein Vogel, nur ein trockener Zweig.
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Veilchenohr-Kolibri in der Valle de la Luna
Canon EOS 10D, EF 300L, 1.4x TC, Stativ
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Meine Skepsis wird nur Minuten später schon bestraft - ganz zu meiner
vollen Zufriedenheit natürlich. Ich drücke durch, bis der Pufferspeicher
der Kamera ausgelastet ist. Ich kann es nicht fassen, drehe meinen Blick
vorsichtig zu Carlos und kann mir das breite Grinsen nicht verkneifen.
Worte bringe ich noch nicht über die Lippen, aber mir wird langsam
bewußt: Ich habe ihn! Mit einem schönen Glanzpunkt im Auge, ja ich habe
ihn!
Über den lehmverschmierten Schnabel machen wir uns zunächst keine
Gedanken. In den ersten Momenten sind wir nicht unbedingt fähig, auf
Details zu achten. Aber die Aufregung legt sich nach und nach, wir
beobachten den äußerst aktiven Vogel, staunen über seine Flugfähigkeiten
und bemerken, daß er in einer sieben bis acht Meter tiefen Grube mit rund
drei Metern Durchmesser verschwindet. Ziemlich weit unten in diesem Loch
fliegt der Kolibri immer wieder gezielt die senkrechte Wand an und bohrt
auf diese Weise mit dem Schnabel eine Brutröhre in den Lehm.
Das erinnert mich an eine Dokumentation über Eisvögel, die ich mal im
Fernsehen gesehen habe. Unser erster Gedanke: Wir stören hier an einer
höchst empfindlichen Stelle. Aber das Mondtal ist eine touristische
Attraktion und wir haben bisher keine Wege verlassen. Hierfür bedarf es
übrigens keiner Verbotsschilder, denn man bewegt sich auf durchaus
gefährlichem Terrain. Ich bin überzeugt davon, daß ihn die meisten
Touristen nicht zu Gesicht bekommen, aber die Aktivitäten des Kolibris
lassen deutlich werden, daß er sich in keinster Weise beunruhigt fühlt.
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Veilchenohr-Kolibri in der Valle de la Luna
Canon EOS 10D, EF 300L, 1.4x TC, Stativ
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Nach den Ereignissen dieses Tages wendet sich meine Stimmung um hundertachtzig
Grad. Für solche Momente lebt ein Naturfotograf. Ich versuche meinem Begleiter
klarzumachen, daß sich für mich die Reise bereits gelohnt habe. All die Kosten
und Strapazen seien es wert gewesen, dies erlebt haben zu dürfen. Es war der
perfekte Auftakt unserer gemeinsamen Reise. Aber es sollte noch besser kommen.
Intensive Eindrücke geballt in einem kurzen Zeitraum prägen die folgenden Tage.
Die meiste Zeit verbringen wir im Auto, auf staubigen Straßen von Ziel zu Ziel
durch den bolivianischen Altiplano. Wir sehen gletscherbedeckte Berge, Vulkane,
Lagunen, Flamingos, ein unendlich scheinendes Meer aus weißem Salz, Lamas,
Vicuñas, und fast immer staunen wir mit offenem Mund beim Anblick
surreal wirkender Landschaften. Als wir letztendlich Tarija im Süden des Landes
erreichen, haben wir die Kolibris aus La Paz schon fast vergessen. Und wie wir
so bei sommerlichen Temperaturen entspannen, während unsere Freunde daheim einen
schneereichen Winter erleben dürfen, "stört" plötzlich etwas diese
wunderbare Idylle: Kolibris!
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Das war es dann wohl mit der Entspannung. Wir sind ja schließlich nicht
zur Erholung gekommen. An diesen bodennahen Blüten ist eben ein Kolibri
aufgetaucht, also warten wir hier. Uns gefallen die Möglichkeiten für
eine saubere Bildgestaltung nicht sonderlich. Wir sind verwöhnt, denn
die Erfolge aus dem Mondtal sind kaum wegzudenken. Der Hintergrund ist
unruhig und viele Blüten liegen im Schatten, aber Kolibri ist Kolibri.
Hier wird unsere Geduld stark auf die Probe gestellt. Bestenfalls im
Stundentakt erscheint ein Vogel für ein paar Sekunden, danach ist er
wieder weg. Am Ende einer mühsamen Woche sind Bilder wie hier links das
Beste, was wir vorweisen können. Wir sind nicht unbedingt glücklich über
diese Ausbeute.
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Weißbauchamazilie, Tarija
Canon EOS 10D, EF 300L, 1.4x TC
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Das Wichtigste, was wir hier noch lernen müssen ist, daß zumindest die hier
vorkommende Kolibriart nicht auf eine bestimmte Blüte spezialisiert ist, so
wie ich das bisher immer angenommen habe. Folglich ist es falsch anzunehmen,
daß wir an der einzig interessanten Blüte den ganzen lieben Tag warten müssen.
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Die folgenden beiden Aufnahmen am roten Blütenkelch stechen nicht
unbedingt durch ihre Qualität hervor. Und während bei den meisten
anderen Fotos nachträglich lediglich kleine Änderungen des
Bildausschnitts nötig waren, handelt es sich in diesem Fall um
starke Ausschnitte aus dem Original. Aber dennoch möchte ich diese
Bilder gerne zeigen, weil sie eine interessante Situation dokumentieren.
Der Kolibri krallt sich an der Unterseite der Blüte fest und stößt
elegant vor, sodaß er bis zum Hals im Blütenkelch verschwindet. Dieses
Spiel wiederholt er 4-5 Mal und koordiniert die Bewegungen dabei
meisterhaft mit seinem Flügelschlag.
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Weißbauchamazilie am Blütenkelch
Canon EOS 10D, EF 300L, 1.4x TC
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Hier sehen wir den gleichen Kolibri, wie er sich an eine weitere Pflanze
heranmacht. Diese Flexibilität erschwert uns die Arbeit, denn
es ist viel Disziplin gefragt, wenn es darum geht, dem Vogel nicht
ständig nur hinterherzurennen, sondern auch mal eine Weile an einem Ort
auszuharren, wo auch eine gewisse Bildgestaltung möglich ist.
Zumindest gelangen wir auf diese Weise zur Erkenntnis, daß die Vögel
sehr viel Nahrung zu sich nehmen und folglich ständig irgendwo in der
Nähe sind. Das ist natürlich erheblich motivierender als zu glauben,
sie seien ganz weit entfernt.
Das menschliche Auge ist erstaunlich gut im Entdecken von Bewegung, dem
muß dann nur noch der AF folgen.
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Weißbauchamazilie im Anflug auf die Blüten
Canon EOS 10D, EF 300L, 1.4x TC
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Auch hier in Tarija begegnen wir extrem zutraulichen Kolibris. Sie
scheinen sich nicht sonderlich viel daraus zu machen, daß Menschen in
ihrem Revier anwesend sind. Es ist nur eine Frage des Geschicks, will
man sich ihnen nähern, sobald sie auf einem Zweig sitzen. Hier gelten
natürlich die gleichen Regeln wie sonst auch immer, wenn man sich wilden
Tieren oder Vögeln in freier Wildbahn nähern möchte, ohne sie gleich in
die Flucht zu schlagen. Möglichst langsame, sanfte Bewegungen führen
zum Ziel. Die Fluchtdistanz dieses Vogels unterbietet sogar die
Naheinstellgrenze des Objektivs, so daß ich wieder zurückweichen muß.
Ich bewege mich nur millimeterweise und halte sogar den Atem an.
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Weißbauchamazilie auf einem Zweig
Canon EOS 10D, EF 300L, 1.4x TC, Stativ
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Die besten Verhältnisse haben wir an dieser Pflanze. Der Hintergrund
ist schön frei, die Blüten bieten viel Nahrung für die Kolibris und sie
zeigen uns hier ihr ganzes Können. Probleme machen uns aber die schlechten
Lichtverhältnisse. Die Kolibris schaffen mit ihren Flügeln bis zu 200
Schläge in einer Sekunde. Verschlußzeiten von etwa 1/250 müssen wir uns
leider mit einer hohen Empfindlichkeit erkaufen, wir fotografieren mit
ISO 400. Anders können wir nicht so weit abblenden, daß wir einen guten
Kompromiß zwischen der gewünschten Schärfentiefe und der Bewegungsunschärfe
erhalten. Zum Einfrieren der Flugbewegung fehlt zwar nicht mehr viel,
aber wir haben vom Einsatz eines Blitzgerätes abgesehen.
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Weißbauchamazilie beim Nektarschlürfen
Canon EOS 10D, EF 300L, 1.4x TC, Stativ
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Hier konnte ich meinen Augen nicht trauen: Dieses Schlitzohr spart sich
doch tatsächlich die Kraft und setzt sich hin, während es in den Blüten
schnabuliert - ein ganz schlauer Bursche! Es scheint der
Weißbauchamazilie doch glatt egal zu sein, daß die Evolution für die Kolibris eher vorgesehen
hat, Nahrung im Schwebflug zu sich zu nehmen. Während der insgesamt
dreiwöchigen Beschäftigung mit den Kolibris habe ich mich bei diesem
hier am meisten amüsiert. Faszinierend zu sehen, daß es nicht nur unter
den Menschen Querdenker gibt.
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Energiesparende Methode
Canon EOS 10D, EF 300L, 1.4x TC, Stativ
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Ich möchte mich an dieser Stelle bei Ross Hawkins von der Hummingbird Society
(www.hummingbird.org) herzlich für seine Bemühungen zur Artbestimmung der
Weißbauchamazilie (Amazilia chionogaster) bedanken. Während ich in
einschlägigen Foren im Internet nach Hilfe gesucht hatte, mußte ich erfahren,
daß sich die Weibchen sehr vieler Kolibriarten täuschend ähnlich sehen.
Schließlich gelang es aber seinen Wissenschaftskontakten in Südamerika,
den Vogel zu bestimmen. Vielen Dank, Ross!
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