Naturbeobachtungen 


Das Schlüpfen einer Smaragdlibelle
Text und Fotos © Uwe Römers


Libellen legen ihre Eier im Wasser ab. Die daraus schlüpfenden Larven verbringen dort je nach Art ein unterschiedlich langes räuberisches Leben. Mit der Metamorphose zur Imago beginnt für die Libellen ihr letzter und kürzester Lebensabschnitt. Nach Jungfernflug und Ausreifung schließt sich der Zyklus mit Paarung und Eiablage. Dem einzelnen Tier bleiben nur Tage oder Wochen, seine Art zu erhalten, zu verbreiten und in Schönheit zu sterben.

Zur letzten Häutung, dem Schlüpfen der fertigen Libelle, verläßt die Larve meist frühmorgens bei günstigem Wetter das Wasser, um ihr Schlupfsubstrat zu erreichen. Oft ist es der Halm einer größeren Pflanze (Schilf, Segge, Brennessel), manche Arten erklimmen aber auch senkrechte Wände (Brückenmauern, Wehre), andere wiederum schlüpfen auf aus dem Wasser ragenden Steinen. Nachdem die Larve ihr Ziel erreicht hat, verhakt sie ihre Beine oder krallt ihre Zehen fest in den Untergrund. Die Larve erhöht den Körperinnendruck, und bald reißt die Larvenhaut auf: zuerst an den Augen, später senkrecht dazu entlang des Rückens, bis etwa zur Mitte der Flügelscheiden.

Aufplatzen der Larvenhaut
Canon EOS 10D, EF 180L Macro, Stativ


Das Tier braucht einige Zeit, um aus der Larvenhaut (Exuvie) zu kommen. Seine Muskeln sind noch schlaff. Deshalb läßt sich die Libelle kopfüber nach hinten sinken und erhöht den Innendruck, um den Körper weiter auszudehnen und sich immer mehr aus der Larvenhaut herauszuschieben. So verharrt die Libelle eine halbe bis ganze Stunde und es sieht so aus, als würde der Schlupfvorgang augenscheinlich unterbrochen werden. Die Libelle ruht sich aber nicht etwa aus, sondern trocknet sich und stärkt ihre Muskeln. In dieser Phase habe ich im Mai eine Glänzende Smaragdlibelle (Somatochlora metallica) entdeckt und konnte den weiteren Ablauf fotografisch dokumentieren. Ich hatte mein brandneues Carbonstativ zum ersten Mal dabei und als ich bemerkte, daß meine Gummistiefel knöcheltief im Matsch standen, mußte ich mir erst einen kräftigen Ruck geben, bevor ich die Ausrüstung aufgebaut habe. Wegen dem tiefen Kamerastandpunkt verwendete ich einen Winkelsucher, denn die Alternative hätte Hinlegen geheißen...
Verharren in Kopfüber-Haltung
Canon EOS 10D, EF 180L Macro, Stativ


Die Libelle schien sehr entspannt zu sein und so konnte ich das volle Programm für sichere Fotos fahren: Spiegelvorauslösung, Kabelauslöser und Belichtungsreihe. Doch urplötzlich bog sich der Libellenkörper nach oben, und die Zehen der halbgeschlüpften Libelle verhakten sich in der Larvenhaut , um schließlich den Rest des Hinterleibs (Abdomen) herauszuziehen.



Die Libelle schlüpft vollständig aus der Larvenhaut
Canon EOS 10D, EF 180L Macro, Stativ


Um den Körper und die Flügel zu strecken, pumpt die Libelle beides mit Blutflüssigkeit (Hämolymphe) auf Anfangs noch matt weiß , wurden die Flügel nach kurzer Zeit durchsichtig, wie man sie von den fliegenden Libellen her kennt. Aber auch die Farben am ganzen Körper sind bereits deutlich kräftiger geworden.

Bis zur Aushärtung und Flugfähigkeit vergehen oft einige Stunden und während dieser Zeit sind die Libellen sehr verwundbar. Wenn beispielsweise stärkerer Wind Schilfblätter gegen die Flügel drückt, tragen die Libellen bleibende Schäden davon. Sie sind dann nur noch eingeschränkt oder unter Umständen gar nicht mehr flugfähig. Auch können sie in ihrer hilflosen Situation leicht von Vögeln erbeutet werden.

Oft beginnt die Libelle einige Zeit nach Verlassen der Larvenhaut zu klettern, um ihren Schlupfort zu verlassen. Dieser liegt bereits im Schatten, für das schnelle Aushärten und Trocknen benötigt sie aber direkte Sonnenstrahlung. Ist die Libelle schon ausgehärtet und hat ihre endgültige Gestalt erreicht, sind ihre Farben noch matt und die Flügel glänzen.

Strecken von Körper und Flügeln
Canon EOS 10D, EF 180L Macro, Stativ


Aber die Libelle macht sich bereit für den Jungfernflug, den sie in wenigen Minuten antreten wird. Zurück bleibt nur noch die leere Larvenhaut. Diese ist für Libellenkundler ein wichtiges Indiz zur Artbestimmung. Vor allem bei seltenen oder schwer zu beobachtenden Arten sind die Exuvien oft der einzige Nachweis.
Glänzende Flügel der jungen Libelle
Canon EOS 10D, EF 180L Macro, Stativ


Während des gesamten Schlupfvorgangs wurde meine Disziplin stark auf die Probe gestellt. Einige Meter weiter war der Schauplatz zweier zeitgleich schlüpfenden Vierfleck-Libellen auf einem schrägen moosbedeckten Baumstamm. Bei diesem Schauspiel hätte ich allerdings erhebliche Probleme mit der Schärfentiefe gehabt, also blieb ich bei meinem ursprünglichen Motiv.

Nachdem allerdings die Smaragdlibelle zu ihrem Jungfernflug abgehoben war, wurde mir zumindest noch eine Aufnahme vom frischen Vierfleck vergönnt

Junge Vierflecklibelle an ihrer Exuvie
Canon EOS 10D, EF 180L Macro, Stativ


 
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